Selbstverwirklichung, so what?

Ich versichere Ihnen, ich zum Beispiel lebe nur, weil ich mich mir suggeriere; in Wirklichkeit bin ich tot.
(Carl Einstein: aus Bebuquin)

Selbstverwirklichung als Diktat

Wir waren letzt bei einer Kollegin meiner Frau zum 52. Geburtstag eingeladen. Beim betreten des Hauses konnte ich mich dem Eindruck nicht erwehren, ich betrete einen OP-Saal, steril und stumpf. Ein paar Stunden später, auf dem Gang zur Toilette hatte ich ungewollt die Gelegenheit einem Gespräch beizuwohnen. Es war die Gastgeberin mit mir einer unbekannten Person. Da war wohl etwas mit der Selbstverwirklichung  schiefgelaufen, vernahm ich. In den 80’er Jahren hatte man ihr eingeredet sich selbst zu verwirklichen – Karriere, Anerkennung und Reisen waren das Erfolgsmotto ihrer Zeit. Kinder hasst sie natürlich, das sind Karrierekiller, Urlaubstöter und Figurenvernichter. Dummerweise, jetzt mit 52, ist sie sich gar nicht mehr so sicher. Ihr Mann entfernt  sich täglich weiter von ihr. Eine dunkle Ahnung befällt sie, wenn ihr Mann mal wieder eine Nacht zu spät nach Hause kommt. Bald ist sie ganz allein. Die ewigen Partys und Events, mit den verächtlichen Blicken der jungen Konkurrenz, macht sie krank. Dem Flurfunk hatte sie vernommen, sie sei zur einer boshaften Chefin mutiert, rechthaberisch, cholerisch, einfach nur unerträglich für die Kollegen. Ihr alter und letzter Freund Bernd hat sich noch  flugs eine 15 jahre Jüngere geschnappt und gleich geschwängert. Grosses Familienevent die Hochzeit, war schön, fand sie still und heimlich. Statt Hochzeitsfeier und Ehering hatte sie damals eine angesagte Weltreise bestritten, doch die Erinnerung daran ist längst verblasst.
Ich bewegte mich, ohne bemerkt zu werden, zur Toilette und dachte nur:  „Das Diktat der Selbstverwirklichung und seine psychischen Folgen. Der Mensch unserer Zeit ist leider  zur Selbstverwirklichung verdammt, weil das als die ökonomisch produktivste Existenzweise scheint“.

‚Was ist denn mit Paul los?‘ ‚Er hat sich selbstverwirktlicht.‘ ‚Ah, und da lächelt man dann so verklärt?‘
‚Meditative Transzendenz nennt man das.‘ ‚Oh,je.‘ ‚Er hat sein ICH in eine höher dimensionale Sphäre gehoben.‘
‚Und, wann kommt er zurück? Wir wollen los ’n Bierchen zischen.‘

 

Schreibe einen Kommentar